Geburtsbericht – ja oder nein? Ich habe nach der zweiten Geburt einige Nachrichten à la „Ich hoffe, die zweite Geburt konnte dich nach der ersten etwas heilen“ und generell „Wie verlief die Geburt?“ bekommen. Von meiner ersten Geburt habe ich an dieser Stelle damals sehr ausführlich berichtet. In einem Text, den ich anfangs eigentlich nur für mich selbst, für meine eigene Verarbeitung des Erlebten, aufgeschrieben habe, wurde ein Blogpost, auf den ich noch immer viele Emails und Nachrichten bekomme von anderen Müttern, die durch ihre Geburt(en) ebenfalls traumatisiert sind.

In den letzten zweieinhalb Jahren ist das, was ich über das Mamasein und mein(e) Kind(er) im Internet teile, weniger geworden. Ich lösche sogar immer wieder mal alte Beiträge, weil sie einfach vergangen sind, „so nicht mehr gelten“, ich daraus gelernt habe oder etwas, was mich mal überfordert, gestresst oder geärgert hat, mit etwas Abstand weniger akut, schlimm, relevant oder was auch immer wirkt auf mich. 

Mich hat das erste Jahr als Mama enorm mitgenommen, keinen anderen Lebensabschnitt fand ich so herausfordernd wie in meine Rolle als Mutter, in den Alltag mit Kind hinein zu wachsen. Euren Kommentaren und Nachrichten nach zu urteilen, haben sich viele stets darüber gefreut, dass ich so offen über die (Höhen und) Tiefen mit Baby geschrieben habe, und ich habe oft Kraft daraus geschöpft, zu lesen, dass es (einigen von) euch genauso geht wie mir.

Natürlich kam auch viel Kritik, Nachrichten wie „Du bist so negativ geworden“ saßen besonders tief. 

Einfach so, ohne Anlass, ist meine Lust darauf, hier, oder auch bei Instagram, sehr Privates zu teilen, weniger geworden. Es strengt mental doch einfach echt an, sich im Internet mitzuteilen. Und manchmal finde ich mich selbst sogar komisch, wenn ich einen Text poste, den theoretisch Tausende von Leuten lesen könnten. 

Lange Rede, zurück zum Anfang. Geburtsbericht – ja oder nein?
Ich habe auch die zweite Geburt aufgeschrieben. Auch für mich selbst, um noch in vielen Jahren alles ganz genau erinnern zu können. Eine abgewandelte Version des Textes teile ich nun nach einigem Abwägen doch aber auch hier: quasi den Ablauf der Geburt, mein Empfinden derweil. Es geht ins Detail, ja, aber die Geburt habe ich insgesamt – trotz enormer Schmerzen und einer Komplikation – schon nach fünf Tagen verarbeitet. Ich habe mein Trauma der ersten Geburt bei der zweiten lösen können. Wer also möchte, liest hier gerne weiter. 

Meine zweite Geburt verlief ganz anders als die erste – und ganz anders als alle, inklusive der Ärztininnen, Hebammen und meine Doula, geahnt haben. Nach einer schnellen, wilden, sehr intensiven und gewaltvollen ersten Vollmond-Geburt, von der ich Passagen nicht mal mehr erinnere, weil ich sie verdränge oder in der Kürze der Zeit schlichtweg nicht im Kopf abspeichern konnte, war die zweite lang. Weniger intensiv, aber nicht weniger schmerzhaft. Sie war anders kräftezehrend, nicht gewaltvoll, dafür selbstbestimmt und „klar“: Ich habe jede Sekunde davon mitbekommen, gefühlt – und gelitten. 

Mein Baby war eine Sternenguckerin.
Am Abend, bevor die Wehen starteten, hat sie eine halbe Stunde lang im Bauch extreme Turnübungen gemacht, und ich habe noch zu meinem Freund gesagt: Puh, bitte dreht sie sich jetzt nicht wieder falsch herum. War anscheinend leider so.

Aufgewacht mit Wehen bin ich um 01.45 Uhr in der Nacht von Samstag (11.09.) auf Sonntag. Ich bin mehr oder weniger direkt aufgestanden, habe zuerst meiner Mutter und dann unserer Babysitterin geschrieben, dass es langsam losgeht und ob sie sich melden können, sollten sie die Nachricht lesen. Immerhin brauchten wir für die Große ja eine Betreuung zu Hause, die man im Vorhinein schlecht planen konnte. Dass die Wehen mitten in der Nacht losgingen, war quasi „worst case scenario“, und zunächst meldete sich auch erstmal niemand auf die Nachrichten. Störte aber nicht.

Ich habe Kerzen angemacht, geduscht, Haare gewaschen, die restlichen Sachen in meine Kliniktasche gepackt, alles ganz in Ruhe, immer mit Pausen, in denen ich mich zum Wehenveratmen gegen die Wand stützen musste. Die Wehen waren von Anfang an etwa im 10-Minuten-Takt. Im Wohnzimmer habe ich die Yogamatte ausgerollt, versucht, den Schmerzen am Kreuzbein bzw. im unteren Rücken mit der Faszienrolle entgegen zu wirken, alles in allem war es gut aushaltbar, ich war ganz bei mir, voller Euphorie, mein Baby heute zu treffen. Ich hätte nie gedacht, dass ich überhaupt zu Hause Wehen veratmen würde, der Plan war eigentlich – nach der sehr schnellen ersten Geburt –, direkt ins Krankenhaus zu fahren.

Geburtsbericht zweite Geburt

Ich bin sicher hier.“
Deshalb musste ich meinem Freund auch erstmal ein zickiges „Ruhe jetzt, es ist alles gut, ich will hier sein“ stecken, da er natürlich besorgt war, dass wir eine ungeplante Hausgeburt hinlegen. Ich habe einfach gefühlt, dass ich hier sein will und kann – und sicher bin. Ihn hatte ich übrigens erst um kurz nach 4 geweckt, bis dahin war ich ganz mit mir beschäftigt.

Um 4.20 Uhr rief ich meine Mutter an, die meinen Anruf zum Glück hörte. Sie fuhr mehr oder weniger direkt los und war um 5.30 Uhr bei uns. Bis dahin hatten mein Freund und ich Kaffee getrunken, er etwas gefrühstückt, ich zwischendurch immer wieder Wehen veratmet. Sie waren zwischendurch im 3,5-Minuten-Takt, aber immer noch ok. Ich hatte viel Adrenalin in mir und ging davon aus, dass wir in sehr wenigen Stunden unser Baby sehen würden. 

Im Krankenhaus kamen wir um 6 Uhr an. Ich hatte sogar etwas Sorge, dass man mich wieder nach Hause schicken würde, da ich – natürlich – einen Wehenstillstand hatte bei der Anmeldung, und auch generell, weil es bis dahin alles so smooth ablief und ich die Ruhe in Person war. Die Hebamme stellte dann jedoch eine 5-cm-Muttermundöffnung fest, so wie mit dem ersten Kind damals. Ich war erleichtert: Es konnte nicht mehr lange dauern. 

Aber die Wehen gingen weg. Wurden langsamer, weniger intensiv. Meinen Freund habe ich „beauftragt“ zu schlafen, da ich ganz bei mir sein wollte; ich brauchte ihn nicht. Ich ging auf den Gängen spazieren, lief Treppen, veratmete alle 20 Minuten eine Mini-Wehe und war irgendwie frustriert. Gleichzeitig jedoch erleichtert, dass die Schmerzen mir kurz eine Pause ließen. Keine Wehen zu haben, ist halt doch sehr viel angenehmer als welche zu haben.

„Erstmal abwarten“
Die Ärztin machte einen Ultraschall und stellte fest, dass unser Baby eine Sternenguckerin war. Sie lag mit dem Gesicht falsch herum, musste sich, im besten Fall, noch drehen. „Erstmal abwarten“, hieß es, und weiter ging die Warterei.

Es wurde nach 8 Uhr, die Wehen kamen langsam zurück. Ich hatte etwas gefrühstückt, fühlte mich schon ganz schön ausgepowert von der kurzen Nacht und dem Adrenalin-Kick der ersten Stunden. Zwischen 9 und 12 Uhr waren die Wehen ungefähr im 5- bzw. später 2-Minuten-Abstand. Mit Anleitung der Hebammen musste ich abwechselnd die Beine aufstellen, immer im Vierfüßlerstand. Mein Freund massierte mein Kreuzbein, ich sollte mich in Seitenlage begeben, damit sich das Baby drehen konnte. Der Muttermund war schon lange voll geöffnet. Alles wartete, aber unser Baby drehte sich nicht. 

Bis zur totalen Erschöpfung – gefühlt noch darüber hinaus
Diese Zeit war die schwierigste für mich. Es war ein Kraftakt. Ständig die Schmerzen auf mich zukommen zu sehen, im Vierfüßlerstand alle paar Minuten die Kraft aufzubringen, eine so intensive Wehe überstehen zu müssen, die mir vor Schmerzen das Blut in den Ohren rauschen ließ und von der mir jedes Mal so schlecht wurde, dass ich nicht wusste, ob und wie ich Erbrochenes zurück halten kann, war mehr als kräftezehrend. Ich hatte jetzt außerdem bei jeder Wehe einen Pressdrang, gegen den ich aber ankämpfen musste, da das Baby noch nicht richtig lag. 

Einmal Kaiserschnitt, bitte – jetzt sofort!
Zwischen den Wehen lag ich jedes Mal absolut erschöpft auf der Liege und wusste nicht, wie ich es weiter bringen kann. Es fühlte sich an, als würde diese Geburt nie enden. Die Stunden vergingen, meine Kraft schwand. Auch meine Lust, das Mindset kippte, die Schmerzen wurden so schlimm, dass ich unfreundlich wurde und zur Hebamme sogar sagte, ich packe es nicht, ich will einen Kaiserschnitt. 

Sie verneinte und riet mir auch von anderen Schmerzmitteln ab. Eine PDA würde das Problem nur verzögern. Und noch mehr verzögern wollte ich natürlich nicht. 

Los jetzt, dreh dich, dachte ich, und lag weiter in Seitenlage auf dem Bett und hielt den Schmerzen stand, die mich überkamen, während mein Baby versuchte sich zu drehen. Sie schaffte es anscheinend irgendwann irgendwie. Um 12.05 Uhr in etwa platzte die Fruchtblase, ich war erleichtert, dass sich endlich etwas tat – auch wenn ich zeitgleich riesige Panik hatte vor dem, was nun noch kommen würde. Es war ja erst der Anfang der Austreibungsphase. 

Zum Glück ging der Rest wahnsinnig schnell, ich musste nur vier Wehen lang pressen, dann war sie da. Es war schmerzhaft, klar, aber ganz anders als bei der ersten Geburt hatte ich das Gefühl, ich hatte alles total im Griff. Ich habe mein Baby ganz „bewusst“ – also „bei klarem Bewusstsein“ –  aus mir herausgeschoben, habe gegen die Schmerzen angeschrien, mich im Vierfüßlertand rückwärts auf dem Bett kniend am Kopfteil festgehalten und mich von der Hebamme leiten lassen, die schon nach zwei Mal Pressen sagte, du kannst es mit der nächsten Wehe schon schaffen.

Und dann war unser Baby auch schon da, aufgefangen von der Hebamme und der Ärztin. 

Ich musste lachen.
Ich musste wirklich einfach lachen. 

Es ist einfach so absolut surreal, eine Geburt. So menschlich, aber gleichzeitig so wahnsinnig absurd und „unmenschlich“. Ein neues Leben kommt auf die Welt, 3.470g Mensch, 50cm lang, ein zunächst blaues, so absolut hilfloses Wesen, Mini-Füße, ewig lange Fingernägel, Nabelschnur noch mit der Plazenta in mir verbunden. 

Ich bin ohne Geburtsverletzungen davon gekommen. Die Plazenta-Geburt war diesmal viel schwerer als beim ersten Mal, ich musste auch dafür nochmal mehrmals hockend pressen und sogar schreien, bis sie sich endlich löste. 

Dann war es geschafft. Eine Geburt, die ich fünf Tage später schon verdaut und verarbeitet habe, mit der ich im Reinen bin, auch wenn ich sie beim besten Willen nicht noch einmal erleben will. Die Hebamme sprach von einer „schönen Geburt“ – das kann ich nicht unterschreiben, für mich waren die Schmerzen, die Erschöpfung viel zu groß. Aber ich habe ein zweites Mal ein Baby auf die Welt gebracht, auch jetzt wieder ganz ohne Schmerzmittel, aus eigener Kraft. Beide Male gab es (kleine) Komplikationen bei meinen Geburten: einmal eine Hand vor dem Kopf und beim zweiten Mal eine Sternenguckerin, die ironischerweise auch noch ihre Hand vor dem Kopf hatte – scheint so ein Ding in der Familie zu sein. 

Beide Male habe ich es geschafft; und die zweite Geburt hat die gewaltvolle, schnelle, wilde, so intensive erste Geburt ein bisschen wieder gut gemacht. Weil ich einfach so klar dabei war, im Nachhinein zurückblicken kann und nichts von der Geburt vergessen oder verdrängt habe. Ich habe – anders als bei der ersten Geburt – gefühlt und gesehen, wie ich mein Baby auf die Welt gebracht habe, und das ist wohl das größte Wunder, das ein Mensch vollbringen mag.

Ich bin im Reinen mit dieser zweiten Geburt.
Ich habe das Gefühl, sie ganz bewusst und selbstbestimmt erlebt zu haben – und das macht sie so anders und vor allem „besser“ als die erste. Durch meine zweite Geburt konnte ich viele Fragen, die ich zu meiner ersten Geburt hatte, beantworten können. Ich fühle mich von der ersten geheilt, tatsächlich. Ich habe zwei gesunde Kinder. Ich bin unaussprechlich dankbar. 

Und ich bin wahnsinnig froh, dass beide Geburten HINTER mir liegen.

Geburtsbericht  – so war die zweite Geburt

Noch eine Anmerkung zum „sicheren Ort“ unter den Wehen
Gemeinsam mit meiner Doula, die wir ursprünglich mit ins Krankenhaus nehmen wollten (doch dann machte Corona einen Strich durch die Rechnung; ich hätte sie mitnehmen dürfen, dann aber nicht meinen Partner), habe ich im Vorhinein über mögliche „sichere Orte“ gesprochen, an die ich mental reise während der Wehen. Das kann ein Lieblingsort sein, ein Urlaubsziel, alles, was euch einfällt. Spontan und ganz unerwartet kam mir während der Wehen ein ganz anderer Ort in den Sinn als den, den ich mir im Vorhinein für die Wehenveratmung überlegt hatte – nämlich das Foto eines Strands in Belize, das ich am Vortag bei Instagram gesehen habe.
Ich bin keine Surferin, und dennoch hatte ich während der gesamten Geburt bei jeder Wehe das Bild vor Augen, wie ich an diesem Strand auf dem Surfbrett die Wellen reite, aufrecht stehend, immer denkend: „Ich schaffe das.“, „Ich bleibe stehen.“, „Ich lasse mich nicht von den Wellen besiegen.“ Am Ende habe ich sogar mich mit meinem Baby im Arm auf dem Surfbrett gesehen: „Wir beide schaffen das.“ Es half mir ungemein, in jeder Wehe das Bild vor Augen zu rufen und mich daran festzuhalten – mich quasi von der Wehe abzulenken.

Noch eine Anmerkung zum Krankenhaus
Wir waren im Frankfurter Elisabethenkrankenhaus, von dem ich im Vorhinein sowohl von Hebammen als auch aus dem Freundeskreis nur Gutes gehört habe. Bei der Anmeldung war mein Eindruck eher mittel, die Hebamme – lustigerweise auch die, die später bei meiner Geburt Schicht hatte – wirkte anfangs etwas schroff auf mich, und der Kreißsaal, in dem die Anmeldung statt fand, hatte so wirklich gar nichts „romantisches“ – es war einfach ein weißer Krankenhausraum, in dem eine Liege stand.

Jedoch war ich unter der Geburt sowie in der Nacht danach auf Station mit dem gesamten Personal wahnsinnig zufrieden und habe mich super gut aufgehoben gefühlt. Besagte Hebamme hat einen tollen Job geleistet, die Ärztinnen waren absolut freundlich und zuvorkommend – meine rief in einem Krisenmoment mitfühlend zu mir: „Ich weiß, das ist scheiße!!“ Unser Kreißsaal war irgendwie auch gemütlich, mit einer Liege und sogar einer Art Bett an der Seite (, in dem mein Freund schlafen konnte). Wir konnten die Fenster öffnen und draußen die Nacht zum Tag werden sehen.

Ich habe 120 Euro Aufpreis für ein Einzelzimmer in Kauf genommen – was die BESTE Investition war, die ich hätte machen können. Ein eigenes Zimmer mit Bad und Balkon zu haben, nach einer Geburt, die man erstmal verdauen muss, fühlte sich an wie im Hotel zu sein. Morgens und abends gab es ein Buffett mit frischem Obst und verschiedenem Brot, Käse, Wurst, veganen Aufstrichen, Butter, Säfte, Tee, Kaffee, Müsli – es war wirklich alles zahlreich vorhanden.

Vor allem das Personal des Elisabethenkrankenhauses kann ich empfehlen, niemand kam mir dort „blöd“ in den 32 Stunden, die ich dort war, alle waren hilfsbreit, freundlich, professionell. 

Geburtsbericht zweite Geburt
Geburtsbericht zweite Geburt
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Hey, ich bin Lea Lou, Food-Fotografin, Content-Kreateurin, Mama und Yoga-Lehrerin.

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